Alt- schlesischer Spinnabend

von Willi Matzke

 

 

 

Zu jener Zeit, als „Vetter und Muhme“ noch überaus geehrt wurden, statt Du und Sie das Wort „Ihr“ noch hoch in Ehren stand und die Taufpaten stets nur gebeten wurden, also echte schlesische Ehrfurcht und Geselligkeit überall am Platze war, galten „Spinn- und Lichtaoabende“ außer Kirmessen und Schlachtabenden zu den beliebtesten Verwandten- und Nachbartreffen.

Bleiben wir heute einmal bei einem solch uralten schlesischen Spinnabend im Riesengebirge, den älteren zur Erinnerung, den jüngeren Schlesiern zur Wachhaltung einst gewesener Sitten in der unvergeßlichen Heimat. Der 98jährige – „Teichmann´s Traugott“ - im Altersheim Bevensen – kann heute noch die schönsten Schilderungen solcher einstiger Begebenheiten geben.

Von vornherein muß gesagt werden, daß ein – Spinnoabend und ein Lichtaoabend – zwei grundverschiedene Begebenheiten waren. Bei einem „Spinnoabend“ drehte sich restlos der ganze Abend um das Spinnen selbst, und die Erschienenen waren Rockagänger, während beim „Lichtaoabend“ kein Spinnrad benutzt wurde, also die Erschienenen nur „Lichtagänger“ waren, also die Verwandten und Nachbarn, richtig gesagt „Nuppern“ jeweils da und dort zu einem Plauderstündchen zusammenkamen. Alte Heimatlieder wurden gesungen, die neuesten „Schnacka“ erzählt, echt schlesischer Streuselkucha schnabeliert, getanzt und „a wing Musikke“ gemacht. War keine Geige, Harfe oder Zither zur Hand, so wurde zur „Hausmusikke“ gegriffen uffm Ufabänkla – und die verschiedensten Küchengeräte mußten herhalten.

Heute aber wollen wir einmal einen echten alten Spinnabend im Geiste an uns vorüber ziehen lassen, und zwar wie sie sich noch in den neunziger Jahren nicht selten abspielten. Jedes Dorf hatte seinen Spinnmeister. Für Seidorf war es damals – Bretersch Heinrich – (Heinrich Breiter) aus dem Rothengrund. Und heute noch zu seiner Ehre, - er verstand sein Fach -  und viele Leser dieser Zeitung werden ihn noch gut in Erinnerung haben. Sein Nachfolger wurde Mattern`s Wilhelm, welcher ihm nicht im geringsten nachstand.  

Freilich gab es in letzter Zeit überall, wo es Heimat-und Trachtengruppen gab, auch Spinnstuben, die bekannteste war wohl  die Kiesewälder, aber sie traten meistens nur bei Gästeveranstaltungen in Erscheinung.

Der Spinnmeister also selbst leitete den ganzen Abend, begrüßte in recht origineller Weise die erschienenen Spinner und Spinnerinnen, überprüfte die mitgebrachten Spinnrädel, überwachte die Reinheit des Flachses und sorgte für ein sauberes Gespinnst selbst.

Die Gastgeber des Spinnabends, die abwechselnd bei einem nahe, oft auch sehr weitliegenden Gehöft mit recht großer Bauernstube abgehalten wurden, hatten dann jeweils für alles Vorsorge getroffen. Ein großer Kachelofen spendete recht behagliche Wärme, für die Männer war ein „aaler Kurn“, für die Weibsen „a Guder“ eingeschafft. Am liebsten aber wurde zu jener Zeit „ein grüner Pudel“ getrunken. Dieser nur im Rothengrund vom alten Grundschenk Oertel selbst hergestellte Likör galt s.Z. neben seiner „Eberesche“ als der beste weit und breit.

 Während dieses fleißigen Spinnens selbst, meistens surrten 20 – 25 Spinnräder, wurde gesungen und die spannendsten Geschichten erzählt. Die jungen Burschen sorgten aus naheliegenden Gründen meist für recht schaurige, um den jungen Mädchen dann in ihrer Furcht die Heimbegleitung anbieten zu können. Der Heimgang vollzog sich deshalb auch stets zwischen 12 und 1 Uhr, also in der Geisterstunde. Der Spinnmeister aber sorgte stets dafür, daß die jungen „Perschlan“ Beschäftigung hatten. Sie mußten den zu verarbeitenden Flachs brechen, klopfen, hecheln und die „Tocken“ und „Bärte“ machen, ganz früher auch die Späne für den Spanleuchter zurecht machen. Kein Spinnabend verging, wo nicht extra große Quarkschnitten mit recht viel Kümmel herumgereicht wurden. Riesentöpfe mit gekochten Backpflaumen standen bereit, und da jeder Spinner zum Anfeuchten des Gespinstes viel „Netze“ brauchte, so wurden dauernd diese Pflaumen gekaut. Der Spinnmeister trug dabei immer ein recht originelles Gedicht vor, in dem es u.a. heißt: „Her mit ann Moasla Pflaumakern, denn die Weiber noascha gern.“

Meistens wurde ja solch ein Spinnabend kurz vor 12 Uhr beendet, denn gegen 11 Uhr erschien der „Garnmoan“.  Das gesponnene und geschweifte Garn wurde jetzt eingesammelt und an den meistbietenden Anwesenden verkauft. Diese ließen es dann für eine Aussteuer verweben. Welch schlesisches Mädel hätte früher nicht eine ganze Truhe voll selbstgesponnenes und meist selbst gewebtes schneeweißes Linnen besessen, und ihr ganzer Stolz bestand darin, es bei jeder Gelegenheit den Bekannten zu zeigen. Jeder alte Riesengebirgler wird mir noch heute dieses gern bestätigen, und noch gern an die schöne alte Gemütlichkeit voller Frohsinn und auch Einigkeit zurückdenken.

Kamen aber zufällig in solch einen Spinnabend noch Lichtagänger hinzu, d.h. also „ei di hoalbe Sitzniche“, so wurde der Spinnoabend eben etwas eher beendet und eine kleine Tanzstunde eingelegt. Mit Vorliebe zeigten jetzt die allerältesten Anwesenden den „Würgewalzer“, wohl einer der schwersten Tänze überhaupt.  

Alte, gute, echt schlesische Zeit, wohl nie kommst du wieder!

Hier im Kreis Friesland und Ammerland steht heute noch das Spinnrad hoch in Ehren, und ich habe schon wiederholt an solchen Spinnabenden teilgenommen. Leider verstehe ich die ostfriesische Mundart zu wenig.

 

 

Entnommen aus „Schles.Bergwacht“ SB1956/N33/S593

 

Erstellt: W.Schön; Mail: genealogie@wimawabu.de